Innovativ: Oberschwaben prägen Bildungspolitik

Veröffentlicht am 01.11.2011 in Presseecho

Vier Schulexperten aus der Region sind nach dem Regierungswechsel ins Kultusministerium berufen worden

RAVENSBURG - Der Regierungswechsel in Stuttgart hat auch in den Landesministerien Erdbeben ausgelöst. Die Spitzen der Behörden wurden ausgetauscht und mit eigenen Leuten besetzt, die den Sozialdemokraten und Grünen nahestehen. Auch im Kultusministerium (Kumi), dem von 1953 bis 2011 ausschließlich CDU- Minister vorstanden, hat sich einiges getan. Klammerte sich Schwarz-Gelb bis zum Ende ans dreigliedrige Schulsystem, wollen SPD und Grüne Gemeinschaftsschulen voranbringen, in denen Kinder mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen – auch behinderte Kinder – länger gemeinsam unterrichtet werden. Aus Oberschwaben wurden gleich vier Bildungsexperten ins Kumi geholt.

Zuerst und an vorderster Stelle Margret Ruep. Die 62-jährige gelernte Realschullehrerin ist im Juni als Ministerialdirektorin berufen worden, nachdem sie drei Jahre lang die Pädagogische Hochschule in Weingarten geleitet hatte. Als PH- Rektorin war Ruep auch Mitglied der Steuerungsgruppe der Stadt Ravensburg, die den Beirat für Schulentwicklungsplanung bei der Entwicklung der geplanten Modellschule beraten hatte. In dieser Modellschule wäre die traditionelle Aufteilung von Kindern nach Klasse vier auf die drei weiterführenden Schulen Gymnasium, Realschule und Hauptschule aufgebrochen worden durch jahrgangsübergreifende Klassen. Nach der zehnten Klasse hätten die besonders guten Schüler ihr Abitur an einem beruflichen oder städtischen Gymnasium machen können. Das Modell, entwickelt noch als Schulversuch unter einer schwarz-gelben Landesregierung, ist letztendlich aber abgelehnt worden. Begründung: Es ähnele zu sehr der neuen Gemeinschaftsschule, die von der grün-roten Regierung ohnehin landesweit in den Kommunen eingeführt werden soll, wo dies gewünscht ist. In Ravensburg liegt mittlerweile ein solcher Antrag vor: Die Stefan-Rahl-Schule in Obereschach will als erste die Schultypen verschmelzen. Als derzeit kleinste, nur einzügige Hauptschule gilt sie allerdings als am stärksten gefährdet.

Als Koordinator für die neue Schulform fungiert seit einigen Monaten Norbert Zeller, langjähriger SPD-Landtagsabgeordneter aus Friedrichshafen, der im März die Wiederwahl in den Landtag knapp verpasste. Der 61-jährige Sonderschullehrer war lange Zeit bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion, hielt nichts von der festen Zementierung des dreigliedrigen Schulsystems und setzte sich auch vehement für eine bessere Integration behinderter Kinder in der Regelschule ein.

Einstiger Rebell gestaltet mit

Ihn unterstützt als einer von vier Referenten Rudolf Bosch. Als Leiter der Ravensburger Kuppelnauschule ging der heute 59-Jährige mit hundert Kollegen 2007 zum ersten Mal auf die Barrikaden: Die Hauptschulrebellen machten auf eklatante Missstände im dreigliedrigen Schulsystem aufmerksam. Nicht umsonst versuchten Eltern alles daranzusetzen, ihre Kinder nicht auf die „Restschule“, die Hauptschule, zu schicken, und stimmten so mit den Füßen über die Zukunft der Hauptschulen ab: Das Hauptschulsterben sei angesichts immer weniger Kinder nicht aufzuhalten, die Einführung der neuen Werkrealschulen wurde von den Rebellen als Euphemismus, als schlichte Umbenennung mit nur kosmetischen Veränderungen an der Pädagogik, gebrandmarkt. Bosch gründete damals die Initiative Längeres gemeinsames Lernen und entwickelte maßgeblich die Ravensburger Modellschule mit, für die er als Stadtrat der Grünen auch im Gemeinderat warb. Bosch riskierte dabei viel: Er musste zum Rapport ins Kultusministerium, ihm wurde als Schulleiter Parteilichkeit vorgeworfen, angeblich ließ Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus prüfen, ob man ihn aus dem Schuldienst entfernen könne. Die Berufung ins Kultusministerium, in dessen Auftrag er in Südbaden für die Gemeinschaftschule wirbt, gilt als Wertschätzung seiner Pionierarbeit.

Neu im Kultusministerium ist auch Michael C. Hermann, zuvor als Sozial- und Medienwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule beschäftigt. Der 45-jährige Waldburger hat ein SPD-Parteibuch und ist stellvertretender Kreisvorsitzender der Ravensburger Sozialdemokraten. Hermann ist Leiter des Bereichs Politische Grundsatzangelegenheiten geworden und einer der engsten Mitarbeiter von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD). Er schreibt Reden für die Ministerin, tritt in der Öffentlichkeit auf, koordiniert die Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Landtag. Ein Großteil seiner Arbeit ist wissenschaftlicher Natur, etwa die Auswertung der Pisastudien. Als Privatdozent bleibt Hermann der PH erhalten, wo er freitags noch Vorlesungen hält, und auch sein Engagement in der Justizvollzugsanstalt Hinzistobel, wo er gemeinsam mit Studenten und Gefangenen Sport treibt, will er beibehalten.

Von Annette Vincenz, Schwäbische Zeitung 28. Oktober 2011

 

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